Das Foto‹ von Sabine Breitbach

Sabine Breitbach
Sabi­ne Breit­bach

Bre­mer Autoren­sti­pen­di­um 2016

Die Bre­mer Autoren­sti­pen­di­en 2016 erhiel­ten Bet­ti­na Beut­ler-Prahm und Sabi­ne Breit­bach. Lesen Sie hier einen Aus­zug aus dem ein­ge­reich­ten und prä­mier­ten Manu­skript von Sabi­ne Breit­bach. Einen Aus­zug aus dem Text von Bet­ti­na Beut­ler-Prahm fin­den sie hier».

Sabine Breitbach: ›Das Foto‹

Eines Tages, vie­le Jah­re spä­ter, wird sie an einem frü­hen Mor­gen, noch vor dem Wecker­klin­geln wach wer­den und vor ihrem inne­ren Auge, auf der Lein­wand, auf der gera­de noch die nächt­li­chen Traum­fil­me lie­fen, wird immer noch ein Bild zu sehen sein. Die­ses Stand­bild wird nach dem Auf­ste­hen nicht ver­schwin­den, auch nicht beim Duschen oder beim Früh­stück und selbst am Abend wird es immer noch nicht ver­blasst sein. Sie wird es nicht mehr ver­ges­sen, nun, nach­dem sie damit begon­nen hat, sich dar­an zu erin­nern. Es ist die Erin­ne­rung an ein Foto, das sie schon seit Jahr­zehn­ten nicht mehr gese­hen hat und sie wird sich erin­nern, dass sie dabei war als die­ses Foto ent­stand. Jeden­falls wird sie glau­ben, sich dar­an zu erin­nern.

Das Schwarz-Weiß-Foto zeigt zwei Per­so­nen vor einer Zie­gel­mau­er und eine Bret­ter­tür im wei­chen Licht eines ver­reg­ne­ten Vor­mit­tags. Die zwei, eine jun­ge Frau und ein etwas jün­ge­rer Bur­sche, sind Bru­der und Schwes­ter, es sind ihre Geschwis­ter. Die Schwes­ter schaut direkt in die Kame­ra und krümmt sich vor Lachen, der Bru­der rechts dane­ben sieht betre­ten grin­send zum Foto­gra­fen. Dort hin­ter der Tür neben den bei­den steckt der Anlass für ihr Geläch­ter, eine drit­te Per­son, unsicht­bar. Die­se Per­son, der klei­ne­re Bru­der, wür­de ger­ne das ungast­li­che Che­mie­klo ver­las­sen, das er wegen Durch­falls an die­sem Vor­mit­tag schon vie­le Male auf­su­chen muss­te, kann es aber nicht, denn von außen ist der Rie­gel vor­ge­scho­ben. Spä­ter wird sie, die jüngs­te Schwes­ter, sich an sein wüten­des Getram­pel und Geheu­le hin­ter der Bret­ter­tür zu erin­nern mei­nen, aber was bedeu­tet das schon? Sie meint, sich auch zu erin­nern, als die­ses Foto ent­stand, rechts knapp hin­ter ihrem Vater gestan­den zu haben, gera­de erst hin­zu­ge­lau­fen, als er sei­ne alte Bal­gen­ka­me­ra geho­ben hat­te, um die letz­ten Fotos auf dem Film aus­zu­nut­zen. Viel­leicht, und das ist eben­so wahr­schein­lich, hat er jedoch mit der klei­nen Sucherka­me­ra foto­gra­fiert, die ihre Schwes­ter zur Kon­fir­ma­ti­on bekom­men hat­te. Sie ist ziem­lich sicher, hin­ge­lau­fen zu sein, weil gelacht wur­de, meint sich außer­dem zu erin­nern, auch jenes Mal wie­der nicht ver­stan­den zu haben, wor­über eigent­lich gelacht wur­de. Sie hät­te eben ger­ne mit­ge­lacht.

Es war eine kur­ze Pau­se im Dau­er­re­gen einer Rei­he tris­ter Tage. Für ein paar Minu­ten hiel­ten die Wol­ken, die sich schwer und grau­schwarz und grün­lich über den Him­mel wälz­ten, dicht. Wahr­schein­lich waren sie alle ein­fach nur erleich­tert, jetzt end­lich wie­der nach Hau­se zu fah­ren. Und viel­leicht bedeu­te­te die­ses Lachen auch nichts ande­res als Erleich­te­rung, nur Rolf kam nicht her­un­ter von die­sem Plumps­klo in dem Bret­ter­ver­schlag.

Spä­ter wird sie sich fra­gen, ob sie damals auch gelacht hat, ihren nur wenig älte­ren Bru­der aus­ge­lacht hat in sei­ner Not­la­ge und sei­ner Wut, und sie wird sich wün­schen, nicht gelacht zu haben, und wenn doch, wür­de sie sich heu­te noch dafür schä­men, über vier­zig Jah­re spä­ter, denn wie auf dem Foto ist die­ser Bru­der auch in der heu­ti­gen Wirk­lich­keit nicht sicht­bar, son­dern seit Jah­ren ver­schwun­den. Und sie wird sich fra­gen, was da in die­sen Jah­ren eigent­lich so schief gelau­fen ist, dass er so gründ­lich hat­te ver­schwin­den müs­sen. Sicher war es nicht nur die­se eine Sze­ne und der Vater, der nichts Bes­se­res zu tun hat­te, als ein Foto davon zu machen, wäh­rend Rolf hin­ter der Tür ran­da­lier­te. Und sie wird die­ses Foto im Kopf mit sich her­um­tra­gen und es nicht ver­ste­hen, wie­der ein­mal nicht ver­ste­hen, was vor sich ging und war­um eigent­lich gelacht wur­de. So wie sie damals oft dabei gestan­den hat und sich ein Bild, einen Satz, einen Gesichts­aus­druck zu mer­ken ver­such­te, um ihn spä­ter zu ver­ste­hen, spä­ter, wenn sie grö­ßer wäre.