Ruinös‹ von Jörg Kasimir

Jörg Kasi­mir
Foto: pri­vat

Bre­mer Autoren­sti­pen­di­um 2018

Die Bre­mer Autoren­sti­pen­di­en 2018 erhiel­ten Hel­ge Hom­mers und Jörg Kasi­mir.

Lesen Sie an die­ser Stel­le einen Aus­zug aus dem ein­ge­reich­ten und prä­mier­ten Manu­skript von Jörg Kasi­mir. Einen Aus­zug aus dem Text von Hel­ge Hom­mers fin­den sie hier».

Jörg Kasimir: ›Ruinös‹

War zuerst die Back­stu­be weg oder war alles vor­bei, als die Kirch­turm­glo­cke nicht mehr erneu­ert wur­de? Schwer zu sagen, sicher ist aber, dass der Strom im Dorf immer häu­fi­ger aus­fiel, spä­tes­tens das war der Weck­ruf, zu gehen. Das Post­amt war vor drei Jah­ren geschlos­sen wor­den. Das hät­te schon frü­her pas­sie­ren kön­nen, aber das nun­mehr auch auf­ge­lös­te Büro für Abwick­lun­gen aller öffent­li­chen Arten tat sich schwer mit dem alten Müll, alles kei­ne ein­fa­che Fra­ge der Ent­sor­gung!

 

Irgend­wann begann man, das Amt voll­stän­dig mit Bret­tern zu ver­na­geln, da war schon alles zuge­wach­sen mit Klet­ter­pflan­zen. Schon kur­ze Zeit danach konn­te sich nie­mand mehr an das alte Post­amt erin­nern.

 

An dem Tag, als Eggert mit der Matrat­ze unterm Arm den Bäcker­berg hin­un­ter­ging, kam ihm der Orts­vor­ste­her ent­ge­gen und fluch­te:

Hey Esel, hast du den Wicht von der Bon­ne gese­hen? Der hat unser Orts­schild weg­ge­nom­men und ein eige­nes auf­ge­stellt.“

Was steht denn drauf?“

Tür zu!“

 

Der Orts­vor­ste­her war der letz­te, der den Esel sah. Der Mann wür­de sich aber nicht mehr an ihn erin­nern müs­sen, denn nur eine Woche spä­ter ver­schwand er nach Ber­lin, wie alle ande­ren auch. Auch die hun­dert im Dorf Ver­blie­be­nen ver­miss­ten den Esel nicht, denn man ging davon aus, dass auch er sich aus dem Staub gemacht hat­te. Aber er stieg durch ein Loch im Hin­ter­ein­gang des alten Post­am­tes, nagel­te es wie­der zu, ließ nur so viel Platz, wie das Essen und Trin­ken sei­ner Schwes­ter brauch­te, um hin­ein­zu­ge­lan­gen, und betrat den Kel­ler, um das Haus nicht mehr zu ver­las­sen. In dem Augen­blick, als der letz­te Post­se­kre­tär es sich zum ers­ten Mal auf der Matrat­ze bequem mach­te, wuss­te er, was man gemein­hin mit dem Wort Glück mei­nen könn­te. Es moch­te die­se Ruhe sein, die er jetzt emp­fand. Sie konn­ten kra­kee­len, wie es mit ihren hei­se­ren Stim­men noch mög­lich war, er wür­de es nicht mehr hören müs­sen. Auch das Licht drang nur noch durch eini­ge Rit­zen im Holz. Die Fens­ter waren schon zuge­wach­sen. Er muss­te sich an den Geruch des Moders und der Fäul­nis gewöh­nen, der grob und tief war, aber er wür­de ler­nen, aus Gego­re­nem Süßes zu schme­cken.